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Jens Spahn hat einen konservativen Haken geschlagen: Hartz IV sei nicht Ursache, sondern Lösung für Armut. Nun: wer wollte da widersprechen? Ohne Hartz IV ist man natürlich ärmer als mit. Nur der Frage, ob die gegenwärtigen Hartz IV Sätze hoch genug sind, um wenigstens (!) das verfassungsmäßig vorgeschriebene Existenzminimum zu erfüllen, dieser Frage entgeht man mit der Nullaussage, ein bisschen Sozialstaat sei halt besser als gar kein Sozialstaat, nicht.

Die minimale Existenz des Menschen – Mehr als nur ein voller Magen

Die Hartz IV Regelsätze müssen das Existenzminimum garantieren. Niemand verhungert auf Hartz IV. Und auch wenn es schwer ist: meistens findet man eine Wohnung mit Hartz IV. Das physische Existenzminium ist also gesichert. Das Verfassungsgericht spricht aber von einem menschenwürdigen Existenzminimum. Dazu zählen eben nicht nur Essen, Kleidung und Wohnung, sondern auch ein Mindestmaß an einem normalen gesellschaftlichen Leben. Das Verfassungsgericht begreift den Menschen damit als unhintergehbar soziales Wesen, das vom Brot allein nicht leben kann. Gesellschaftliche Teilhabe ist hier das Stichwort. Ich bin mir sicher, das ist allgemeiner Konsens.

Die Hartz IV Regelsätze für Erwachsene

Die Höhe der Regelsätze werden jedes Jahr auf Grundlage der bundesdurchschnittlichen Preisentwicklung für regelbedarfsrelevante Güter und Dienstleistungen sowie der durchschnittlichen Entwicklung der Nettolöhne berechnet. Das heißt 145,04 € für Nahrungsmittel, 39,91 € für Freizeit und Kultur, 34,66 € für Mobilität, 15,80 € für Gesundheitspflege und 1,06 € für Bildung. Macht insgesamt 416 € Die tatsächlichen Kosten für ein Leben in der Mitte der Gesellschaft kann jeder einmal mit seinen durchschnittlichen Ausgaben vergleichen. Luxuriös ist das nicht.
Auch regelbedarfsrelevante Güter ist ein spannender Euphemismus. Was ist eigentlich relevant? Wie sieht der Bedarf des Einzelnen aus? Jeder mag diese Frage für sich anders beantworten. Es ist natürlich klar, dass man irgendwie eine allgemeine Grundlage festlegen muss. Aber komisch wirkt dies so schon.

Und für Kinder?

Beschämend ist aber, dass die Regelsätze für Kinder und Jugendliche deutlich unter dem allgemeinen Regelsatz von 416 € liegen. Und zwar, je jünger desto weniger kriegen sie: Kinder unter 6 Jahren erhalten nur 240 €, Kinder zwischen 6 und 13 Jahren 296 € und Kinder und Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren lediglich 316 €. Jeder, der Kinder hat, weiß, wie wenig Geld das ist, um Kinder ordentlich zu versorgen. Damit das klappt, müssen Eltern an ihrem eigenen Existenzminimum sparen, um ihrer Sorgepflicht angemessen nachkommen zu können. Wie gesagt: Sie sparen an ihrem Existenzminimum. Das sollte eigentlich gar nicht gehen.
Sie tun alles um ihren Kindern ein „normales“ Leben zu ermöglichen. Aber seien wir ehrlich ein Besuch im Schwimmbad, Kino oder ein neues Videospiel ist nicht drin. So gehören sie nicht wirklich dazu. Gerechtigkeit sieht anders aus. Der Witz ist, wir gestehen indirekt sogar ein, dass die Kinderregelsätze zu niedrig sind. Sonst bräuchten wir kein Bildungs- und Teilhabepaket oder ähnliche Förderprogramme damit Kinder an Schulprojekten oder in Sportvereinen mitmachen können.

Kinderarmut mit Hartz IV

Alle Berichte zur Kinderarmut sind sich einig, dass Kinder von ALG II-Beziehern dramatisch von Armut betroffen sind. Wie immer sind Kinder von Alleinerziehenden doppelt betroffen. Zumindest für Kinder gilt: Hartz IV ist vielleicht eine Antwort auf Armut, aber eine äußerst schwache Antwort. Das ist eine Sauerei. Weil alle Untersuchungen zeigen: arme Kinder, bleiben auch als Erwachsene arm. Mit viel zu niedrig angesetzten Hartz IV-Leistungen verspielen wir die Zukunft unserer Kinder!

Geben wir Kinderarmut keine Chance!

Ich selbst kenne die Situation mit Kindern und wenig Geld klarkommen zu müssen. Das ist niemandem zu wünschen, und kommt doch viel zu häufig vor. Deshalb unterstütze ich die Initiative unseres Opladener SPD-Ortsvereins die Regelsätze für Kinder an die Regelsätze für Erwachsene anzuheben. Geben wir Kinderarmut keine Chance!

Wir erheben uns gegen…

• Krieg
• Tyrannei
• Rassismus
• Faschismus
• Gewalt gegen Frauen
• Diskriminierung der Geschlechter
• Frauenfeindlichkeit
• Ausbeutung von Arbeitskraft
• Imperialismus
• Ausbeutung von Land und Ressourcen
• Klimazerstörung
• Armut
• Sexismus
• Transphobie

Wir erheben uns für…

• Gleichberechtigung der Frauen
• Sicherheit der Frauen
• Freiheit der Frauen
• Rechte Geflüchteter
• Rechte von Migrant*innen
• Recht auf sexuelle Selbstbestimmung
• Bildung
• Freie Presse
• Menschenrechte
• Bürgerrechte
• LGBTQI Rechte

Die Verwirrung ist groß: Die CSU brüstet sich damit, Nachverhandlungen beim Familiennachzug abgeschmettert zu haben. Die SPD verkündet dagegen einen Erfolg, die Familienzusammenführung sei gesichert. Auch die Presse ist sich nicht einig: Die einen sehen eine Niederlage der SPD und die Rückkehr zu einer „realistischen“ Einwanderungspolitik. (Erinnert sich noch jemand an die Berichterstattung vor zwei Jahren? So etwas ließ sich damals in den „liberalen“ Blättern nicht lesen). Die anderen bejubeln den Sieg der Humanität über die rechtspopulistischen Tendenzen in der CSU.

Gewinner wohin man sieht: CDU, CSU und SPD setzen sich durch!

Blicken Sie da noch durch? Etwa nicht? Dann sind wir schon zu zweit. Ich will trotzdem versuchen, etwas Licht ins Dunkel zu bringen. Woher kommt also die Uneinigkeit über ein und dieselbe Sache? Ich glaube, es liegt an dem Versuch, aus einfachen Kompromissen fantastische Erfolge zu machen. Halb volle Gläser werden sozusagen als randvolle verkauft. Und das ist symptomatisch für den gesamten Verhandlungsprozess zwischen der SPD und der Union. Jeder stellt seine Erfolge dick heraus und behauptet, man hätte sich auf ganzer Linie durchgesetzt. In Koalitionsgesprächen werden aber Kompromisse verhandelt. Da setzt sich keiner einfach nur durch. Beim Fußball wäre es ganz einfach: Bei Unentschieden bekommt jede Mannschaft einen Punkt und nicht – wie bei einem Sieg – drei.

Wo ich stehe und warum

Ich mache keinen Hehl daraus. Ich war dieses Mal eigentlich für eine große Koalition. Opposition macht Erneuerung keinesfalls einfacher. Parteien erneuern sich nicht in Parlamenten und Gremien, auch nicht in der Opposition. Als Opposition hat man nur bei handfesten, sprich medienwirksamen Skandalen Einfluss. Dann muss sich eine Regierung bewegen, da kann man sie treiben. In einfachen (nicht unwichtigen!) Sachfragen, zum Beispiel über die paritätische Finanzierung der Krankenversicherung, hat die Opposition einfach keine Schnitte. Anträge der Opposition werden in der Regel niedergestimmt. So ist das. So funktioniert parlamentarische Demokratie. Die Opposition kontrolliert und deckt auf. Sie macht Regierungen im besten Fall besser und manchmal wird man mit Wahlerfolgen belohnt. Aber politisch gestalten kann man in der Opposition nicht.

Hohe Glaubwürdigkeit gegen geringen Einfluss

Das ist das Spiel der Linkspartei. Sie ist die einzige Partei, die strikt gegen Auslandseinsätze der Bundeswehr ist. Nur hat sie in der Opposition nicht einen Auslandseinsatz verhindern können. In der Regierung hätte sie vermutlich Auslandseinsätzen zustimmen müssen, aber sie hätte den einen oder anderen Ausflug der Bundeswehr verhindern können. In der Politik hat eben alles seinen Preis. Hohe Glaubwürdigkeit bezahlt man mit geringem Einfluss: Dagegen kenne ich kein Rezept und keine einfachen Lösungen.

K(r)ampf der schrillen Töne

Der Kampf um Aufmerksamkeit und Deutungshoheit mündet mittlerweile immer mehr in einen Kampf der schrillen und schrillsten Töne. Klar, die Presse (und das Publikum, mich eingeschlossen) liebt Zuspitzungen, das macht es spannend. Allein, dauerndes mediales Getöse macht aus Politik letztlich reines Theater. Es überzeugt niemanden mehr. Selbst die eigenen Leute und Genossen winken nur noch müde ab. Warum legen wir die Grenzen politischen Handelns nicht einfach offen und stellen das Erreichte zur demokratischen Entscheidung? Und zwar ehrlich und demütig. Und das vermisse ich. Wenn alle taktischen Winkelzüge gespielt wurden, wenn alle Kommunikations- und PR-Berater alle beraten haben, dann verspricht Ehrlichkeit für mich einen Ausweg.

Große Gesten, kleine Brötchen

Die schrillen Töne, die Jubelmeldungen, das kategorische Hier-steh-ich-und-kann-nicht-anders (aber dafür stehe ich jeden Tag woanders!) ändern zwar nichts an der Sachlage, aber sie beschädigen die Glaubwürdigkeit. Große Gesten wecken große Erwartungen, die man nicht ungestraft enttäuscht. Wir können nicht Opposition bedingungslos verkünden und zwei Wochen später mit einer Koalition gut und gerne leben. Die Konsequenz ist, dass unabhängig vom Ausgang des Mitgliederentscheids das Bild einer taktisch lavierenden Parteiführung bleibt, die immer wieder auf den Boden der Tatsachen aufschlägt, ohne von ihrer Rhetorik bombastischer Erfolge lassen zu können. Nach der Party folgt der Kater. Egal was kommt, uns wird der Schädel brummen.

Respekt vor der freien und demokratischen Wahl

In einer großen Koalition, die so groß ja nicht mehr ist, sind keine großen Würfe zu erwarten. Punkt. Große Würfe, gerade in elementaren Bereichen wie Bildung, Rente und Gesundheit, wären notwendig und sind längst überfällig. Für große Würfe sind die Programme der Koalitionspartner und damit die Wünsche ihrer Wähler allerdings zu unterschiedlich. Aber auch Kleinvieh macht Mist. Nur machen wir aus Kleinvieh bitte kein Großvieh. Rüsten wir verbal ab. Die Partei darf und soll ungemütlich sein für ihre eigenen Mandatsträger und Minister. Sie darf und soll sich mit dem Regierungshandeln nicht gemein machen. Der Anspruch muss größer sein als ein Koalitionsvertrag mit der Union. Hören wir also auf, jeden Verhandlungspunkt als Sieg zu feiern, sondern als das Ergebnis harter Verhandlungen. Nicht mehr und nicht weniger. Alles andere liegt in den Händen der Genossinnen und Genossen. Sie entscheiden und das ist gut so. Und diesmal bitte ohne derart massiven Druck wie beim Mitgliederentscheid 2013. Das war uns Mitgliedern der SPD gegenüber unwürdig. Glaubwürdigkeit setzt Vertrauen und Respekt voraus, auch und gerade bei jeder Genossin und jedem Genossen. Dafür stehe ich jederzeit in unserer SPD ein.

Heute, vor 73 Jahren, am 27. Januar 1945, befreiten sowjetische Soldaten das Konzentrationslager Auschwitz. Was sie dort vorfanden, muss für diese an Leid erfahrenen Soldaten unbegreiflich gewesen sein. Sie fanden: knapp 5800 unterernährte Häftlinge, davon 4000 Frauen. Ferner: fanden sie über 1 Millionen Kleider, 45.000 Paar Schuhe und 7 Tonnen Menschenhaar. Weit über 1 Millionen Menschen fanden in den Kammern von Auschwitz ihren Tod. Unbegreiflich ist es bis heute.

Das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte

Und mehr Zahlen: zwischen 5,6 und 6,1 Millionen Juden, 2,5 Millionen sowjetische („slawische“) Kriegsgefangene, zwischen 200.000 bis zu 1 Millionen Sinti und Roma, 200.000 Menschen mit Behinderungen. Alle ermordet. Dazu kommen Morde an den Zeugen Jehovas, an Homosexuellen und an politischen Oppositionellen. Das ist die Bilanz der nationalsozialistischen Raserei. Der einzelne Mensch droht in diesen Zahlen unterzugehen. Getötet wurden keine Menschen, keine Frau Rosenkranz, kein Herr Blume, sondern getötet wurden Menschen schlicht in ihrer Eigenschaft als Angehörige eines Kollektivs: als Jude, als Zigeuner, als Behinderter, als Andersdenkender. Massenmord, das ist für mich das schmerzlich treffende Wort für diesen Umstand. Denn natürlich wurden konkrete Individuen, Menschen mit einem Namen, einer Familie und einer Geschichte umgebracht. Und dennoch: Gestorben sind sie als Vertreter einer Gruppe, einer Abstraktion. Liegt hierin nicht der Kern des Schauderns vor dem Holocaust?

Es ist geschehen, folglich kann es wieder geschehen

Das dritte Reich und seine Untaten sind ein historischer Fakt. Aber der Holocaust war keine historische Notwendigkeit, sondern lediglich eine Möglichkeit. Eines der schrecklichsten Verbrechen der Menschheit. Verübt in einer Zeit, die man gemeinhin als aufgeklärt bezeichnet. Die Weimarer Republik war in vielerlei Hinsicht von unserer nicht so verschieden! Eine aufgeklärte, eine moderne Gesellschaft, mit Massenmedien und freier Presse, freien Wahlen, Gewerkschaften, Wissenschaft, Kunst und Theater. Und dennoch, an ihrem Ende steht Hitler. Wenn man 1925 auf der Straße erzählt hätte, was in den 30ger und 40er Jahren geschehen würde, es hätte vermutlich niemand geglaubt.

Schatten, viel Schatten und ein wenig Licht

Die Geschichte der Nazis und ihrer Vernichtungsmaschinerie ist eine Geschichte des schwachen und grausamen Menschen. Millionen von Menschen sind nicht Opfer einer blinden Naturkatastrophe geworden, sie sind ermordet worden, von Menschen, von Ihresgleichen. Gleichzeitig sind dunkle Stunden der Menschheit meist auch Stunden, in denen der Mensch am hellsten strahlen kann. Viele Menschen, bekannt und unbekannt, Priester, Kommunisten, Juden, einfache Menschen haben ihr Leben riskiert, um Leben zu retten. Haben Widerstand geleistet. Haben unter widrigsten Bedingungen überlebt. Der Mensch ist nicht notwendig schwach, er kann auch anders. Und das macht mir Hoffnung.

Die Vergangenheit in der Gegenwart

Wenn ich der Opfer des Nationalsozialismus gedenke, komme ich nicht umhin, den Blick auf das Heute und auf die Zukunft zu wenden. Was geschieht denn, wenn man den engen geographischen Horizont Westeuropas verlässt? Man sieht aktuelle Notlagen, Menschen, die alltäglich aufgrund ihrer Rasse, ihres Glaubens und ihrer Überzeugungen verfolgt werden. Ich sehe Kriege und Hungersnöte. Gleichzeitig gibt es unglaublich viel Engagement und zumindest in manchen Regionen dieser Welt ist Frieden und auch Wohlstand erreicht. Aber vieles bleibt zu tun.

Warum also Gedenken?

Warum sollten wir heute noch des Holocaust gedenken? Müssen wir uns nicht endlich mal von diesem dunklen Kapitel deutscher Geschichte lösen? Betreiben wir nicht einen Schuldkult? Ich kann dazu nur sagen: Niemand muss gedenken. Das Gedenken an den Holocaust ist ja keine Pflichtveranstaltung, an der man kurz bedröppelt zu Boden blickt. Zumindest muss es das nicht sein. Das Gedenken an den Holocaust macht demütig, es schützt vor falscher Selbstgewissheit. Es nimmt mir den Boden unter den Füßen; und das ist gut so. Primo Levi, Überlebender des Holocaust, sagt es unnachahmlich: „Es ist geschehen, folglich kann es wieder geschehen.“ Nichts ist notwendig in der Geschichte. Unsere friedlichen Zeiten in der deutschen Demokratie sind durch nichts garantiert. Wer weiß, vielleicht wird uns eine kommende Generation als Täter anklagen, weil wir Raubbau an unserer Erde betrieben haben, weil wir den Wohlstand nicht gerecht verteilt haben. Auch dies leistet für mich ein solches Gedenken: sich zu hinterfragen, zu fragen nach dem Urteil künftiger Generationen. Anders als ein Heldengedenken, macht das Gedenken an die Gräueltaten der eigenen Zivilisation demütig, es nimmt ein Stück Selbstgewissheit und Selbstgerechtigkeit, es macht klüger. Die Zukunft ist offen, im Guten wie im Schlechten. Machen wir sie besser.

Heute vor 73 Jahren wurde das KZ Auschwitz-Birkenau befreit. Heute gedenke ich der Opfer der nationalsozialistischen Verbrechen.

Anlässlich der öffentlichen Anhörung von Sachverständigen zum Antrag „Mit Hebammen und Entbindungspflegern gut versorgt von Anfang an“ möchte ich Euch Agnes vorstellen. Ich kenne Agnes aus ihrer Zeit bei den SJD-Die Falken in Leverkusen und sie ist Hebamme. Im Gespräch mit ihr habe ich viel erfahren und gelernt. Doch lest selbst, warum es wichtig ist, die Rahmenbedingungen für Hebammen und Geburtshelfer zu verbessern.

Hallo Agnes,
wie ich Dir erzählt habe, führen wir im Landtag NRW eine Anhörung zur geburtshilflichen Versorgung und Elternbegleitung durch. Ich finde es wichtig, dass hier auch einmal eine Hebamme, die seit vielen Jahren tätig ist, zu Wort kommt.
Ich freue mich sehr, dass Du mit mir dieses Interview führst!

1. Frage: Wann hast du dich entschieden Hebamme zu werden?

Hallo Eva, danke für die Gelegenheit, unsere Arbeit und die Arbeitsbedingungen einmal auf diese Weise darstellen zu können! Zu Deiner Frage: kurz vorm Abitur habe ich entschieden, mich für die Hebammenausbildung zu bewerben. Das Abitur habe ich gemacht, um mir eventuell noch ein Medizinstudium in der Hinterhand offen zu halten. Ich übe den Beruf seit 2004 aus und bin seit 2005 freiberuflich tätig.

Warum hast du dich für den Beruf der Hebamme entschieden?

Das weiß ich eigentlich gar nicht so richtig…
Ich wollte schon immer etwas Medizinisches und Soziales machen und mein eigener Chef sein. Meine ältere Schwester hat als Hebamme gearbeitet und erzählte mir immer wieder Geschichten aus dem Hebammenalltag. Diese haben mich immer sehr fasziniert und interessiert. Mein allererster beruflicher Wunsch war das Medizinstudium. Leider war es aber zu dem Zeitpunkt nicht möglich, einen Studienplatz zu bekommen. Da ich nicht lange warten wollte, entschied ich mich für die Hebammenausbildung. Außerdem machte mir die Vorstellung, dass ich als Hebamme später mit Familie meine Arbeit sehr frei selber organisieren, bestimmen und gestalten kann, viel Lust auf den Beruf.

War bei der Berufswahl der Verdienst auch ausschlaggebend?

Der Verdienst war nie von Interesse, sonst hätte ich doch noch Medizin studiert oder was anderes gelernt. Ich habe in meinen Hochzeiten als Hebamme, also als ich Single war und noch keine Kinder hatte, gutes Geld verdient. Allerdings war ich kaum zu Hause und hatte keine Freizeit. Im Moment verdiene ich angestellt 600 Euro netto (30% Anstellung bei Lohnsteuerklasse 5). Der Verdienst in der Freiberuflichkeit unterliegt großen Schwankungen. Monatlich kommen zwischen 700 bis 1000 € dazu.

Wie haben sich die Rahmenbedingungen deines Berufes im Laufe der Zeit verändert?

Die Rahmenbedingungen haben sich in den nur 13 Jahren sehr verändert. Allerdings auch die Frauen und auch die gesellschaftlichen Ansprüche. Die Frauen sind anspruchsvoller, gleichzeitig geht ihnen die Intuition verloren. Zudem gebären fast alle nur noch in der Klinik, was aber damit zusammen hängt, dass sich Beleghebammen (Anm.: Beleghebammen sind freiberuflich arbeitende Hebammen, die mit einer oder mehreren Geburtskliniken einen Belegvertrag abgeschlossen hat, oder in einem Krankenhaus mit sogenanntem Belegsystem arbeitet) und Hausgeburtshebammen nicht mehr versichern können.
Als ich anfing zu arbeiten, gab es keine Arbeitsplätze für angestellte Hebammen. Somit musste ich NRW verlassen und landete in Baden-Württemberg, wo ich im Angestelltenverhältnis anfing. In dem kleinen Ort und in der Umgebung gab es dann aber so viele freiberufliche Hebammen, so dass ich erstmal nur angestellt war. Freiberuflich zu arbeiten war dann erst in Karlsruhe möglich. Seit Ende 2005 war ich also angestellt und freiberuflich.
Die Freiberuflichkeit ist mittlerweile an eine Menge Auflagen (z. B. Qualitätsmanagement) gebunden und sie umfasst viel mehr Zeitaufwand als früher. Das ist sehr schade, denn die Zeit, die ich am Schreibtisch verbringe, könnte ich den Frauen widmen, die noch Hebammenhilfe brauchen. Viele freiberufliche Hebammen geben deshalb und vor allem wegen der steigenden Haftpflichtprämien ihre Freiberuflichkeit auf.
Zu meinen Berufsbeginn hatte ich als Hebamme kaum Frauen zu betreuen, jetzt gibt es kaum Hebammen, die die vielen Frauen versorgen können. Das Telefon bimmelt rund um die Uhr mit Anfragen. Leider bin auch ich irgendwann „ausgebucht“. Eine 1:1 Betreuung in der Klinik ist schon lange nicht mehr möglich. Viel zu wenige Hebammen und die vielen administrativen Arbeiten werden mehr.

Wie finden dich eigentlich die werdenden Mütter?

Als Hebamme betreue ich die Frau und ihr Kind - eigentlich aber auch die ganze Familie - vor, während und nach der Geburt. Meine Aufgaben als Hebamme sind vielfältig und mein Arbeitsfeld ist weit gefasst.
Selten bin ich nur Hebamme, manchmal die Anwältin der Frau, manchmal die Übersetzerin, die die verschiedenen Sprachen übersetzt, manchmal die Psychotherapeutin, manchmal die Kriegerin für die Rechte der Frauen, manchmal die Schulter zum Ausweinen, manchmal die Beraterin und manchmal nur eine Freundin.
Ich muss die Fachfrau in meinem Fach sein, aber auch genauso Geschäftsfrau und natürlich auch Mutter.

Wie sieht ein typischer Tag von dir aus?

Ich stehe um sechs Uhr auf, versorge meine Kinder (zwei gehen in die Schule und einer in die Krippe). Um neun Uhr gibt es den ersten Hausbesuch, um 13 Uhr hole ich die Kinder ab. Anschließend werden Hausaufgaben gemacht und dann außerschulische Aktivitäten wie z.B. Sport. Währenddessen noch ein oder zwei Hausbesuche, anschließend Abendessen, Kinder ins Bett bringen, administrative Tätigkeiten und zwischen 22 und 24 Uhr komme ich dann auch ins Bett.
An den Tagen, an denen ich in der Klinik bin, kommt noch ein Schichtdienst dazu (Früh-, Spät- oder Nachtdienst), dann betreue ich die Frauen vor oder nach meinen Dienst.

Wie viele Frauen bzw. Familien betreust du gleichzeitig? Was ist dabei die Schwierigkeit?

Ich betreue drei bis vier Frauen pro Monat.
Die Schwierigkeit ist als Hebamme und Mutter alles unter einen Hut zu bringen. Oft fehlt einem die Zeit, die man sich gerne nehmen würde. Da in ländlicheren Gegenden kaum noch Hebammen arbeiten, bin ich des Öfteren länger im Auto unterwegs. Die Zeit fehlt dann oft in der Betreuung. An den Tagen, an denen ich in der Klinik bin, muss ich ebenso zu den Frauen, denn die Babys halten sich selten an feste Termine. Zudem können immer wieder kleinere Notfälle auftauchen, die die ganze Planung durcheinander bringen.

Was sind deine Hauptaufgaben in der Vorher-Betreuung?

Eine große Aufgabe ist die Schwangerenvorsorge, die Hilfe bei Schwangerschaftsbeschwerden sowie die Vorbereitung auf die Geburt. Auch die Beratung zu allen möglichen Themen ist sehr wichtig. Meine Hauptaufgabe in der Schwangerenbegleitung ist jedoch die Bestärkung des eigenen Körpergefühls der Frau. „Du schaffst die Geburt, Du kannst gebären, Du kannst Mutter sein, Du kannst Dein Kind stillen! …“

Was sind deine Hauptaufgaben in der Nachher-Betreuung?

Die Hauptaufgabe ist hier die Betreuung und Beobachtung der Mutter mit ihrem Säugling, Stillen, Ernährungsberatung, Rückbildung Verhütung, uvm. Meine Hauptaufgabe in der Wochenbettbegleitung liegt in der Verarbeitung des Erlebten, Sicherheit ausstrahlen und Bestärkung geben.

Was ist deiner Meinung nach die Lösung für die Problematik der Haftpflichtversicherung?

Ich hoffe, es gibt bald eine!!! Der geforderte Haftungsfonds sollte eingerichtet werden und die Regresszeit muss überdacht werden. Der Verband muss valide Zahlen erheben und Profis zu den Verhandlungen hinzuziehen.

Und zum Schluss noch eine letzte Frage: Warum sind deiner Meinung nach Hebammen wichtig?

Hebammen sind die weisen Frauen, die werdende Mütter in allen Lebensformen unterstützen. Unsere Arbeit enthält einen Großteil an Gesundheitsprophylaxen. Wir sind mehr als nur die Fachfrauen, weil wir nach der Salutogenese arbeiten und uns die ganzheitliche Sichtweise auf ein Familiensystem nicht fremd ist. Wir stärken den Anfang der Gesellschaft und ermöglichen einen guten Start der Familie in einen neuen Lebensabschnitt. Ebenso sind wir Fachfrauen der physiologischen Geburt und müssen uns mit unserem Wissen nicht verstecken. Wir sind wichtig für die Stärkung der Frau in der Gesellschaft. Wir werden gebraucht!

Liebe Agnes, ich danke Dir für das Interview! Als dreifache Mutter und bald wieder werdende Großmutter ist mir eine gute Geburtshilfe- und auch die Vor- und Nachbegleitung für Eltern und Kinder-sehr wichtig. Wir sind gemeinsam gefordert, hier gute Bedingungen zu schaffen!

 

Das Interview fand anlässlich eines Antrages statt. Den Antrag findet Ihr hier: http://landtag/portal/WWW/dokumentenarchiv/Dokument/MMD17-535.pdf

Weiterführende Informationen hat der Verband der Hebammen: https://www.hebammenverband.de/startseite/

 

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