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Fridays for Future in Leverkusen

Am vergangenen Freitag haben sich zahlreiche Leverkusener Schüler vor dem Wiesdorfer Rathaus das erste Mal an den Fridays for Future Kundgebungen für eine konsequente Klimaschutzpolitik beteiligt. Und das mit Erfolg! Gut 400 Schüler kamen, hielten ihre Transparent hoch und zeigten, wie ernst es ihnen mit der Zukunft ist.

Wir können uns glücklich schätzen, dass unsere Kinder mit vollem Einsatz für ihre Zukunft kämpfen. Man kann es nicht oft genug wiederholen: Die Erderwärmung bedroht nicht die Umwelt, sondern die Menschheit. Umweltschutz ist Menschheitsschutz. Umweltschutz ist kein weiches Thema für Menschen mit überausgeprägter Liebe für Tiere und Pflanzen. Das ist kein Gedöns, wie ein ehemaliger SPD-Kanzler mal ebenso falsch in Bezug auf Themen der Gleichberechtigung und Familienpolitik sagte. Nein. Unsere Wirtschafts- ja Lebensweise mit ihrer Lebensgrundlage in Einklang zu bringen, das ist wie Christian Lindner allerdings in zweifelhafter Absicht in der Zeit sagte „eine Menschheitsaufgabe“ (allerdings meinte er wohl: für kommende Generationen, der Schelm).

 

Ja, dürfen die das denn?

So glücklich ich darüber bin, dass die jungen, die noch nicht erwachsenen, die, die sich Idealismus noch leisten können, uns, den Eltern, den Politikern, den Pragmatikern den Marsch blasen. So entsetzt bin ich über den altväterlichen, ja reaktionären Ton von Politikern aber auch Journalisten. Unsere Schulministerin Gebauer (FDP) schickte den Schulen einen Brief, der die Schulleitungen daran erinnerte, mit welchen ordnungsrechtlichen Sanktionen die Schulen gegen die fehlenden Schüler vorgehen können. Ähnlich äußerten sich unter anderem Armin Laschet, der grade erst die Stabsstelle gegen Umweltkriminalität zerschlagen hat, Peter Altmaier und Christian Lindner. Aber auch einige Journalisten titelten mit Lust: „Schwänzen für das Klima“. Sie alle melden sich zu Wort mit einem großen ja, aber: Ja, es ist ganz toll und ganz, ganz süß, dass die Schüler sich für den Klimawandel einsetzen. Aber doch bitte nicht so laut. Und nicht so polemisch. Und vor allem, (ganz wichtig!) doch nicht in der Schulzeit. Die Schüler könnten doch wertvollen Schulunterricht verpassen! Und außerdem: die wollen doch nur dem lästigen Matheunterricht entkommen. Ja, so raunte ein Kolumnist in einer der beiden hiesigen Zeitungen, die wollen doch nur Cannabis rauchen. Also erstens: Man sollte niemals von sich auf andere schließen. Zweitens: Was nicht laut ist, was nicht stört, wird in unserer lauten und hektischen Welt leider auch nicht gehört. Drittens: Die beste Schule ist immer noch das Leben. Viertens: Zu einem mündigen Bürger, die notwendige Voraussetzung für jede Demokratie, gehört ein gutes Stück Eigensinn gegen Obrigkeiten und Institutionen. Wir haben in Deutschland, auch das steht übrigens seit Jahren auf jedem Lehrplan für den Geschichtsunterricht, immer eine Kultur der Obrigkeitshörigkeit beklagt. Gut, dass die Schülerinnen und Schüler hier im Unterricht aufgepasst haben.

Schüler und 23.000! Wissenschaftler haben keine Ahnung von Klimapolitik…

Einer der schönsten Einwände kam von Christian Lindner: Die Schüler wissen doch gar nicht, was Sache ist. Klimapolitik sei hoch kompliziert, deshalb sollten Schüler das den Experten überlassen und noch ein bisschen die Schulbank drücken. Da ist es natürlich blöd, dass über 20 tausend Wissenschaftler die Demonstrationen unterstützen. Dass sie klipp und klar sagen: Die haben recht! Und trotzdem reden alle nur darüber, ob die Schüler das nun dürfen. Über die Inhalte spricht kein Mensch. Das ist respektlos. Statt sich mit den Forderungen auseinanderzusetzen, stellt man die Motivation der Schüler in Frage. Lateinlehrer wissen, dass man eine solche Argumentationsstrategie „ad hominem“ nennt. Man könnte auch sagen: „wenn mir nichts mehr einfällt, kann ich immer noch deine Glaubwürdigkeit in Zweifel ziehen“. Das ist unsachlich und macht den Bock zum Gärtner: statt eine verfehlte Umweltpolitik anzuklagen, müssen die Schüler sich fürs Schulschwänzen rechtfertigen. Ich frage mich, wer hier eigentlich die Erwachsenen sind: Die Jungen oder die Alten.

Demokratie ist manchmal laut und störend

Um ehrlich zu sein: Wenn ich so manchem Politiker zuhöre, da frage ich mich: Sind das noch Politiker oder schon Verwaltungsbeamte. Nichts gegen Beamte! Ein Fahrradfahrer ist ja auch kein Autofahrer! Ein Arzt kein Klempner. Sie haben alle unterschiedlich Aufgaben. Und ein Politiker hat die Aufgabe politisch zu sein. Und das heißt: für Deutschland die richtigen Entscheidungen zu treffen, für sie zu kämpfen und sie durchzusetzen. Dieser altväterliche Reflex, jede politische Störung moralinsauer abzukanzeln, soll doch nur das Feuer ersticken. De facto wird die Politisierung eines Themas, der politische Streit, sobald er jenseits der "zivilisierten" Gremien unter immer noch ältlichen Männern in Anzügen geführt wird, ängstlich empört zurückgewiesen. Beklagt wird hier doch nur der Kontrollverlust über die Deutungshoheit. Aber: Die Demokratie selbst wurde nur mit dem Druck der Straße erzwungen. Denn nur so wird der Staat an das Volk gebunden. In einer Demokratie gibt es keine „illegitimen Sprecher“. Hier darf jeder öffentlich reden. Das ist ja der Witz an der ganzen Sache. Statt den Schülern mit ordnungsrechtlichen Konsequenzen wegen des Fernbleibens des Unterrichts zu drohen, sollte Schulministerin Gebauer lieber stolz auf unser Bildungssystem sein: Schließlich sind Themen, wie Klimaschutz und Nachhaltigkeit in allen Lehrplänen enthalten (wenn auch unter Mitte-Rechts nicht als Priorität). Der Einsatz der Schülerinnen und Schüler ist einfach ein toller Bildungserfolg!


 Agent Smith meint, die Menschheit sei ein Virus für den Planeten... Aber wir können uns anders entscheiden

Haben die Schülerinnen und Schüler Recht?

Aber kommen wir zu den Forderungen der Schülerinnen und Schüler. Die haben mit ihrem Protest leider einfach recht. Wir reden zwar viel über Klima- und Umweltschutz. Aber wir scheitern seit Jahren daran hier substantielle Fortschritte zu machen. Dabei drängt die Zeit: die Polkappen schmelzen immer schneller ab. Einige kleine Inseln sind schon im Meer abgesoffen. Größere bereiten sich darauf vor. In vielen Ländern sind Wasserkrisen aufgrund von Übernutzung absehbar. Besonders düster sieht es übrigens im Iran aus: Alle Experten sind sich einig, dass der Iran in wenigen Jahren durch Übernutzung des Grundwassers austrocknet. Die Böden erodieren unwiederbringlich. 35 Millionen Menschen im Land sind akut vom Wassermangel betroffen. Die politischen Folgen für den Nahen Osten, Aufstände, Hunger und Flüchtlingsströme kann man sich bildlich ausmalen. Man muss wahrlich kein links-grün-versiffter Gutmensch sein, um die realpolitische Notwendigkeit einer konsequenten Klimapolitik einzusehen. Trotzdem: Es gibt leider handfeste Gründe für das Versagen der Politik. Es ist unglaublich schwierig, das Klima zu schützen, ohne Wirtschaftswachstum und damit Arbeitsplätze zu riskieren. Ebenso schwierig ist das Problem des Trittbrettfahrens unter den Nationen: Alle wollen, dass andere Länder CO2 einsparen. Aber niemand möchte damit anfangen, weil es sich lohnt, wenn andere das Klima schützen. Und genau aus diesem Grund brauchen wir mehr als nur internationale Absichtserklärungen. Gleichzeitig gibt es viele Wege, mehr zu tun. Die Strafverfolgung von Umweltstraftaten einzustellen, wie in NRW unter Schwarz-Gelb, zählt nicht dazu. Und wir brauchen den Druck von der Straße, denn starke Veränderungen brauchen ein starkes demokratisches Mandat. Buchstäblich alles wird daran hängen, ob wir endlich das Ruder rumzureißen. Im Film Matrix heißt es der Mensch sei ein Virus, der seine Lebensgrundlage zerstört. Das stimmt nicht. Wir sind Menschen. Wir haben es selbst in der Hand!