Aktuelles

Das geplante Dach des neuen Busbahnhofs in Wiesdorf ist Gegenstand großen Unmuts. Ende Mai diesen Jahres meldete die Stadtverwaltung erhebliche Kostensteigerungen. Seitdem werden die extravagante Konstruktion des Daches und handwerkliche Fehler des Baudezernates für die Teuerungen verantwortlich gemacht. Auch aus der städtischen Politik melden sich regelmäßig Ratsmitglieder zu Wort. Besonders häufig beschwert sich CDU-Ratsherr Rüdiger Scholz, zuletzt bei einem Auftritt in der Sendung Stern TV, in der er keck behaupten darf, ein Rechenfehler der Verwaltung koste die Stadt mal eben 1,5 Millionen Euro.

Wer mit einem Finger auf die Verwaltung zeigt…

Herr Scholz meint, der Rat sei einerseits von der Baudezernentin Deppe über die Kosten getäuscht worden und andererseits habe das Baudezernat sich grober Planungsfehler schuldig gemacht. Pikant an dieser Art der Empörung ist, dass Herr Scholz, wie alle Ratsmitglieder, dem Umbau des Busbahnhofs Wiesdorf samt dem Dach zugestimmt hat.

… zeigt mit drei Fingern auf sich

Er trägt also eindeutig Verantwortung für den Busbahnhof und sein Designerdach. Ich finde es beschämend, dass Herr Scholz sich aus dieser Verantwortung stehlen will. Die zur Schau getragene Empörung ist nichts als Blendwerk ohne politische Substanz. Hier möchte jemand schlicht nicht schuld sein, obwohl er gewählt wurde, um politische Entscheidungen zu fällen und zu vertreten.

Hat die Verwaltung gelogen?

Die Täuschung bezieht sich auf die Lebensdauer der PVC-Membran des Daches. Die muss laut Herstellerangaben alle 15 Jahre ausgetauscht werden. Kostenpunkt: knapp 500.000 Euro. Viel Geld, keine Frage. Aber von Täuschung keine Spur! Denn die Verwaltung hat dem Rat bei der Auswahl des Materials bereits Ende 2016 die Haltbarkeit dargestellt (Vorlage 2016/1366 Anlage 3; zu finden hier). Der Vorwurf der Täuschung ist - mit Verlaub - einfach Unsinn.

Hat die Verwaltung schlecht geplant?

Was die Planungsfehler angeht: Der Beweis steht bisher aus. Der Gegenbeweis allerdings auch. In Frage stehen hier die Gründung und das Tragwerk für das Dach. Die Gründung kostet nun 256 % die Stahlträger 59 % mehr. Woran liegt das? Zum einen am gegenwärtigen Bauboom, der die Preise für Material und Bautätigkeiten massiv erhöht hat. Zum anderen, so viel steht fest, hat sich das Baudezernat bei der Materialmenge für die Stahlträger vertan, weil die zuvor geplanten Träger dem Brandschutzgutachten nicht standhielten. Die Träger müssen nämlich auch dann halten, wenn zwei brennende Busse unter dem Dach stehen. Unklar ist bisher, in welchem Ausmaß der Mehrbedarf an Stahl zu den Kostensteigerungen beiträgt. Hier ist Aufklärung dringend nötig. Eine Antwort der Verwaltung wird derzeit noch erwartet.

Wohlfeile Kritik statt Lösungen

Die Kostensteigerungen darf und kann man gar nicht schön reden. Ich persönlich wäre mit einem ganz normalen, bewährten Dach völlig zufrieden gewesen. Aber diese Option bestand leider nie. So absurd es auch klingt, ein normales, günstigeres Dach wäre unserer hochverschuldeten Stadt teurer zustatten gekommen, weil wir es komplett aus eigener Tasche hätte bezahlen müssen. Die Fördermittel gibt es nämlich leider nur für ein Dach mit besonderer architektonischer Gestaltung Bei aller berechtigten Kritik, stellt sich doch die Frage der Alternative! Keiner der lautstarken Kritiker bietet nämlich eine solche an! Herr Scholz weiß als Ratsherr sehr genau, dass ein Baustopp samt Neuplanung erheblich teurer wäre.

Politische Fahrerflucht auf Kosten Leverkusens

Ratsfrauen und Ratsherren stehen als gewählte Vertreter in einer besonderen Verantwortung. Sie müssen sich der Auszeichnung eines Wahlamtes würdig erweisen. Sie wurden gewählt, um die Verwaltung demokratisch zu kontrollieren und das Verwaltungshandeln auf die Interessen der Bürgerschaft zu verpflichten. Sie fällen rechtsverbindliche Entscheidungen mit erheblicher Tragweite. Und für die müssen Sie auch einstehen. Alles andere ist politische Fahrerflucht und Profilierungssucht. Gerade weil Herr Scholz als beteiligter Ratsherr die Lage kennt, ist es unredlich, dass er hier ständig die Leverkusener Bürgerinnen und Bürger täuscht. Und warum Herr Scholz im Fernsehen vergisst, dass er ein Ratsherr Leverkusens ist, und unsere Stadt schlechtredet, ist offensichtlich: Er betreibt Eigenwerbung auf Kosten seiner Heimatstadt.

 

In den ehemaligen Räumen der Druckerei Garcia entsteht das Probierwerk der WfL Wirtschaftsförderung Leverkusen. Noch allerdings steckt das Probierwerk in den Kinderschuhen. Das Gebäude wird noch entkernt. Die Baumasse ist alt und hält so manche Überraschung bereit: Hinter einer Fassade taucht eine nicht bekannte Tür auf. Leitungen befinden sich an den merkwürdigsten Stellen. Dennoch: es nimmt langsam Form an: Die Rigips-Platten für die neue Raumaufteilung stehen schon. Und so wird mir und dem Europaabgeordneten Arndt Kohn lebhaft die Vision des Probierwerks vor Augen geführt.

Wirtschaft, Bildung, Handwerk: Gemeinsam die Welt bewegen

Auf etwas mehr als 1000 Quadratmetern entsteht hier ein Biotop fürs Gründen und Lernen im Bereich der Digitalisierung und den sogenannten MINT-Berufen. Das Probierwerk verknüpft Wirtschaftsförderung mit einem Bildungsanspruch: als außerschulischer Lernort, machen das ZDI-Netzwerk cLEVer Rhein-Wupper und das Ausbesserungswert Leverkusen e.V. jungen Menschen Lust auf MINT-Berufe. Als Gemeinschaftsprojekt zwischen der WfL, dem ZDI-Netzwerk und dem Ausbesserungswert Leverkusen ist das Probierwerk Kind ganz unterschiedlicher Eltern, die für ein gemeinsames Ziel die Kräfte bündeln. Im Probierwerk trifft sich, was viel zu selten zusammen kommt: Das Beste aus Wirtschaft und Technik, Bildung und Handwerk. Ja, es geht um Wirtschafts- und Standortförderung. Aber dazu zählt eben auch: den Nachwuchs bilden und begeistern. Köpfe, kluge und begeisterte, sind der wertvollste Rohstoff für die Zukunft. Eine Verbindung, die Schule machen sollte.

So soll es bald aussehen

Gründerszene für Leverkusen

Aber der Reihe nach: Das Probierwerk stellt Büros und Coworking-Arbeitsplätze für innovative Start-Ups zur Verfügung. Hier können kreative Gründerideen ausprobiert und verwirklicht werden. Dabei ist das Probierwerk nicht nur Vermieter von Arbeitsplätzen, sondern unterstützt die Gründer mit einem Mentoring-Programm beim Wissenstransfer und der Herstellung von Kontakten zu anderen, auch gestandenen Unternehmen. Die Vision ist ein Zentrum für einer lebendigen Gründer- und Unternehmerszene in Leverkusen wird.

Digitale Techniken hautnah erleben

Ergänzt wird dieser klassische Inkubator-Ansatz durch das Angebot an Bildungsseminaren für Jugendliche im Bereich Digitalisierung und MINT. Und weil graue Theorie allein den Spaß an jeder Sache verdirbt, gibt es mit dem Maker Space ein besonderes Angebot: Hier können Schüler neueste Technologien, wie den 3D-Druck, praktisch und spielerisch unter Leitung des Ausbesserungswert erproben. Und das gefällt mir besonders gut: Begeisterung zu wecken. Selber machen und anpacken. Nur so entsteht etwas Neues.

Dr. Obermaier zeigt uns das Probierwerk

Start-Up Leverkusen

Digitalisierung ist in aller Munde. Egal, ob es um Schule und Bildung oder den hinterherhinkende Mittelstand geht. Egal ob als utopisches Heilsversprechen, das alle Probleme der Menschheit lösen wird oder als Weltuntergangsfantasie, weil Digitalisierung alle Arbeitsplätze vernichten wird. Das ist alles Kaffeesatzleserei. Was zählt ist, dass nichts so sicher ist, wie der Wandel. Und wie jeder Wandel birgt die fortschreitende Digitalisierung Chancen und Risiken. Für uns kann das nur bedeuten, vorbereitet zu sein und die Chancen zu nutzen. Denn die Digitalisierung bietet als immer noch weitgehend unerschlossenes Land großartige Chancen für neue Geschäftsmodelle und für die wirtschaftliche Zukunft des Standorts Deutschland und auch für die Zukunft Leverkusens.

Bleibt mir nur der WfL in Person von Herrn Dr. Obermaier und dem ZDI-Netzwerk cLEVer Rhein-Wupper in Person von Herrn Wilde für die spannende Führung zu danken. Ich wünsche dem Projekt alles Gute und viel Erfolg. Denn die Zeit steht nicht still. Erfinden wir uns neu!

 

 

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Richrath,

der Bund stellt mit dem Förderprogramm „Sanierung kommunaler Einrichtungen in den Bereichen Sport, Jugend und Kultur“ 100 Mio. € für Investitionen in kommunale Einrichtungen zur Verfügung. Der Förderschwerpunkt liegt dabei auf Sportstätten. Dazu zählen öffentlich genutzte Sportplätze, Turnhallen, Schwimmhallen sowie Freibäder. Das Programm unterstützt Kommunen in Haushaltsnotlage mit einem Finanzierungsanteil von 90%.

Die Bewerbungsfrist ist allerdings bereits der 31. August. Das ist äußerst knapp bemessen und die nächste Ratssitzung findet erst am 30. August statt, einen Tag vor Fristablauf. Aus diesem Grund richte ich mich auf dem Wege eines offenen und öffentlichen Briefes an Sie, um auf das Förderprogramm aufmerksam zu machen.

Die Leverkusener Sportanlagen haben einen massiven Bedarf an Investitionen. Das zeigen nicht zuletzt die Schließung des Schwimmerbeckens im Bad Calevornia, oder die Bauwerks-schäden an der Bielert-Halle. Und unsere Stadt ist auf jede finanzielle Unterstützung angewiesen. Deshalb möchte ich Sie als Oberbürgermeister unserer Stadt bitten, diese kurzfristige Gelegenheit zu nutzen und zu prüfen, welche Sanierungsvorhaben förderfähig sind, um einen entsprechenden Förderantrag zu stellen.

Der Sport hat in Leverkusen traditionell eine große Bedeutung, nicht nur für unsere jüngeren Mitbürger. Der Sport ist, wie Sie als passionierter Handballspieler nur zu gut wissen, nicht einfach eine körperliche Ertüchtigung, sondern ein Ort gelebter Gesellschaft. Damit dies trotz Haushaltsmisere so bleibt, müssen wir für Leverkusen jede Gelegenheit nutzen, um unsere kommunalen Sportstätten zu unterstützen.

Mit freundlichen Grüßen,

Eva Lux, MdL

Ich muss mich entschuldigen: Die Überschrift ist Clickbait der übelsten Sorte. Bewusst reißerisch in der Hochphase der Fußball-Weltmeisterschaft. Tatsächlich geht es gar nicht um den beliebtesten Zeitvertreib der Deutschen, sondern im Gegenteil um etwas völlig ungeliebtes: Müll. Wir sind nämlich Recycling Weltmeister! Während unsere Nationalmannschaft also noch um die Titelverteidigung kämpft, können wir schonmal das Jubeln üben.

Vom Förderband zur vollautomatischen Trennanlage

Mülltrennung bzw. Recycling ist ein neuartiges Phänomen – erst seit den 90er Jahren wird es hierzulande betrieben. Zuvor wurde der Müll ohne Rücksicht auf Verluste auf Müllhalden deponiert – aus dem Auge aus dem Sinn. Mit dem Erlass der Verpackungsverordnung wurden die Hersteller in die Pflicht genommen, auch nach dem Verkauf ihrer Produkte Verantwortung zu übernehmen. Das „Duale System“ wurde gegründet und das Markenzeichen ist heute jedem Kind bekannt: Der Grüne Punkt.
Seitdem hat sich einiges in der Art und Weise, wie Abfall verwertet wird, getan. Aus der händischen Sortierung an Förderbändern ist ein hoch technologisierter Industriezweig gewachsen. 250.000 Arbeitsplätze, 200 Milliarden € Umsatz und ein jährliches Wachstum von ca. 14% lassen die deutsche Müllverwertungsbranche boomen.

Volkssport Mülltrennung

Schwarze Tonne, Gelbe Tonne, Blaue Tonne, Braune Tonne, Grün-, Weiß-, Buntglascontainer, Schadstoffmobile – und wohin dann eigentlich noch mit dem Elektroschrott? Von klein auf wird in Deutschland die Mülltrennung geradezu pedantisch anerzogen. Trotzdem steht man oftmals mit fragendem Blick vor dem Mülleimer und überlegt, ob man die Folie vom Joghurtbecher jetzt erst ablutschen muss, bevor man sie in die Tonne werfen kann.
Diese konsequente Trennung macht allerdings auch Sinn, das zeigt die Wiederverwertung von Papier, Glas und Aluminium. Diese Stoffe sind besonders werthaltig und der Wirtschaft liegt viel daran die Stoffe durch Wiederverwertung auszuschöpfen. Erleichtert wird das ganze durch eine „sortenreine“ Erfassung. Sprich eine Trennung schon vom Verbraucher von Grünglas zu Grünglas, Weißglas zu Weisglas usw.

Titelverteidigung dank Quotenzauber

Was allerdings keinen Sinn macht, ist die Art und Weise, wie die Recycling-Statistik, nach der wir Weltmeister geworden sind, in Deutschland erfasst wird. Und das geschieht „inputorientiert“. Hinter diesem professionell klingenden Anglizismus verbirgt sich jedoch etwas höhst unprofessionelles. Und zwar das alles an Müll, was auf das Förderband der Sortieranlagen in Deutschland kommt, als recycelt gilt, ungeachtet dessen, was mit dem Müll eigentlich passiert – ob er nun verbrannt oder tatsächlich als Wertstoff wiederverwertet wird. Das gegenteilige Verfahren wäre eine outputorientierte Erfassung, die erfasst, was wirklich am Ende des Recyclingvorgangs aus den Stoffen geworden ist.
Solch eine Output orientierte Erfassung würde Klarheit für alle schaffen. Insbesondere für die Verbraucher. Der Ausruf „Wir sind Recycling-Weltmeister“ hört sich nämlich großartig an und man kann sich dafür auch klasse auf die Schulter klopfen – das Ziel hinter der Wiederverwertung wird jedoch vollends verfehlt. Und das ist der Umweltschutz.

Die Schattenseite der Medaille

Es stellt sich doch die große Frage: Warum machen wir den Scheiß überhaupt? Für unsere Umwelt. Ein Gut, was sich nicht mit einem Wert beziffern lässt, aber unbezahlbar für uns, unsere Kinder und Kindeskinder ist. Plastikmüll stellt eine stetig wachsende Bedrohung für unsere Umwelt dar.
Unsere Meere sind voll von Plastik – Tendenz steigend. Und auch wir sind davon unmittelbar betroffen. An Nord- und Ostseestränden ist 75% des angeschwemmten Mülls aus Plastik. Es sterben jährlich unzählige Tiere an den Folgen der Müllverpestung. Und in vielen Ländern der Welt, mitunter auch EU-Mitgliedsstaaten, wird Plastik auch heutzutage noch in Deponien vergraben und gelangt dadurch am Ende oftmals dorthin wo es am meisten Schaden für uns alle anrichtet – im Meer.
Auch in Deutschland landet in der gelben Tonne bis zu einem Drittel an Material, das gar nicht dort hineingehört und ca. ein Viertel von sogenannten „stoffgleichen Nichtverpackungen“, wie Bratpfannen oder Töpfe aus Aluminium. Um die momentane gesetzlich vorgeschriebene Recyclingquote von 36% zu erreichen, reicht es nämlich lediglich diese werthaltigen stoffgleichen Nichtverpackungen zu recyclen. Der Rest, das eigentliche Verpackungsmaterial, wird verbrannt. Das alles wäre weniger schlimm, wenn wir nicht nur der Top-Recycler, sondern auch der Top-Erzeuger an Plastikmüll in Europa wären. Wir sind nämlich Doppel-Weltmeister im Guten wie im Schlechten.

Müllvermeidung ist das Wort der Stunde

Langfristig lässt sich das Problem mit dem Plastik nur auf eine Art und Weise lösen: Durch Müllvermeidung. Wir müssen Plastik zu sparen, wenn es nicht unbedingt notwendig ist. Denn im Endeffekt erkaufen wir uns kurzfristigen Komfort mit langfristigen Nebenwirkungen. Anschaulich wird das am Beispiel einer Plastiktüte. Die durchschnittliche Nutzungsdauer einer Plastiktüte in Deutschland beträgt 25 Minuten. Die Verweildauer einer Plastiktüte, sobald sie in die Umwelt gelangt, beträgt 450 Jahre.
Falls wir unseren nachfolgenden Generationen also eine saubere Umwelt hinterlassen wollen, müssen wir jetzt handeln.

Politik in der Pflicht

Die Politik ist in der Pflicht, für Transparenz zu sorgen und sich ihre selbst auferlegten Quoten nicht durch Manipulation, sondern nachgewiesene Wiederverwertung zu erfüllen. Niemandem ist geholfen, wenn unsere Recyclingquote auf dem Papier bei 100% liegt, aber immer mehr Fische im Meer verenden oder mit Mikroplastik im Magen auf unseren Tellern landen.
Dabei ist es notwendig, international an einem Strang zu ziehen. Umweltverschmutzung kennt nämlich keine Ländergrenzen. Müll aus China betrifft uns genauso wie Müll aus den USA, Indien, Japan, Griechenland oder Frankreich.

Die Zukunft gestalten – in den Köpfen der Leute

Also alles schlecht? Nein, überhaupt nicht. Wir sind in Deutschland auf einem guten Weg. Unsere Infrastruktur, was Mülltrennung angeht, sucht weltweit ihresgleichen. Mülltrennung wird anerzogen und das ist auch gut so. Jetzt gilt es allerdings den nächsten Schritt zu tun. Wir recyclen nämlich nicht nur am meisten, wir verbrauchen auch am meisten. Wenn alle an einem Strang ziehen, ist unser Plastikverbrauch noch um ein Vielfaches zu senken. Aber bevor wir das schaffen, müssen wir ehrlich mit uns selbst sein, aufhören unsere Statistiken zu schönen und anfangen das Problem transparent zu machen – auch international.
Und das Ganze nicht, damit wir am Ende mit dem Finger auf die anderen Zeigen und „Ätsch, wir sind besser“ sagen können, sondern damit die anderen mit dem Finger auf uns zeigen können und sagen: „So, wie die, machen wir das auch.“

Das Heimatministerium verkündet stolz: Das erste Ortsschild in NRW ist nun zweisprachig. Drensteinfurt heißt jetzt „Stewwert“. Als mich diese Nachricht erreichte, stand ich gerade, genau, im Stau.

Stauschau

Kennen Sie das? Sie sitzen im Auto. Die Sonne scheint. Die Klimaanlage summt. Sie hören Musik. Das reinste Wohnzimmer. Wie zu Hause. Das Auto, ja das Auto, das ist Heimat. Dann schauen Sie aus dem Fenster. Sie sehen ein Stillleben. Nichts bewegt sich. Sie denken: Wenn ich jetzt auf meinen Garten schauen würde... Aber Sie schauen rechts auf eine Schallwand. Vorne auf das Hinterteil eines LKWs. Und links auf ein weiteres Auto. Sie haben es gemerkt: Sie stehen im Stau.

Dann schauen sie auf die Uhr. Spätestens jetzt zerbricht die Idylle. Ärger steigt auf. „Warum zur Hölle sind so viele mit dem Auto unterwegs und versperren mir den Platz?“ Sie merken natürlich, der Vorwurf trifft Sie selbst. Sie beruhigen sich. Aber wohin mit dem Ärger? Was macht die Politik in Düsseldorf eigentlich? Arbeiten die überhaupt? Und das von meinen Steuergeldern… Und dann hören Sie im Radio, dass die Heimatministerin stolz verkündet: das erste Ortsschild in NRW ist jetzt zweisprachig! Wir haben aus NRW ein Stück Heimat gemacht.

Der Heimatstau

Und jetzt frage ich Sie: würden Sie sich mit plattdeutschen Baustellen-Schildern wohler fühlen? Ein wenig mehr zu Hause? Ich meine, im Stau stehen Sie dann immer noch, aber jetzt ist es Ihr Stau. Sozusagen Ihr Heimatstau. Darauf können Sie stolz sein. Anderen Staus fehlt das gewisse Etwas. Wie nachgemacht. Die anderen stehen einfach nicht so gekonnt im Stau. Da fehlt die Tradition.

Heimat per Dekret

Ich habe gar nichts gegen Dialekte auf Ortseingangsschildern. Ich finde das überaus sympathisch. Aber wenn ich mir diese von oben aus Düsseldorf und Berlin verordnete Heimatkampagne so anschaue, wird mir einfach schlecht. Heimat ist doch kein Regierungserlass. Heimat das sind, wie es so schön heißt, die Leute. In Leverkusen haben die Leverkusener für den Erhalt des Bayerkreuzes, unseres Wahrzeichens, gekämpft. Dafür brauchte es keine Heimatskampagne. Die Leute wissen selbst, was Ihnen an ihrer Heimat erhaltenswert ist.

Leverkusen ist nicht Weimar, aber…

Ich bin zugezogene Leverkusenerin. Und ich sage immer: Also richtige Leverkusenerin! Und wir Leverkusener haben viele Heimaten: Es gibt die Opladener (sogar mit einer eigenen Partei und auf Wunsch mit einem eigenen Nummernschild: OP statt LEV), Wiesdorfer, Manforter, die Schlebuscher, Alkenrather, Steinbüscheler, Bürriger und Hitdorfer Heimat (ich hab bestimmt einige vergessen…). Und natürlich gibt es auch die Leverkusener Heimat. Leverkusen ist nicht Weimar. Statt Goethe und Altstadt haben wir die alten Bayerwerke, Autobahnen im Überfluss, Feinstaub und Altlasten. Und dennoch: Ich bin stolz auf meine Stadt. Auf ihre Menschen, die aus der Not eine Tugend machen. Über Jahrzehnte hinweg von, mit und gegen die Chemieindustrie zu leben. In einer Stadt zu leben, mit der Auswärtige ein Autobahnkreuz, Bayer und den zugehörigen Bundesligisten verbinden. Um Leverkusen zu lieben, muss man hier leben. Heimat ist, wenn man trotzdem lacht. Heimat gibt man nicht auf, nur weil es kein Schlaraffenland ist.

Heimat zwischen Sein und Sollen

Heimat ist ein Gefühl, so heißt es jetzt allerorten. Es heißt auch, Heimat ist da, wo man sich wohlfühlt. Wo man zu Hause ist. Heimat, da ist man nicht fremd, da ist man Mensch, ganz man selbst. Diese Heimat ist eine positive Utopie. Eine Vision, ein Ziel. Die Antwort auf die Frage, wie sollte meine Heimat eigentlich sein?
Dem Sollen steht unvermeidbar das Sein an der Seite. Heimat ist eben da, wo ich lebe. Wenn mich einer fragt: wo kommst du her? Was ist deine Heimat und wie ist deine Heimat so? Dann befinden wir uns in der realen Heimat. Und die ist meist nicht identisch mit dem Heimatideal.

Eine Heimatkampagne ist noch keine Heimatpolitik

Heimatpolitik kann doch nur bedeuten, Politik für die Heimat zu machen. Also Heimat lebenswerter, besser, schöner zu machen. Politik als Ressource für die Heimat. Eine Heimatkampagne versucht aber das Gegenteil: Sie nutzt Heimat als rhetorische Ressource für die Politik. Von der Heimatkampagne der Heimatministerin Scharrenbach soll die Politik profitieren, nicht die Heimat. Finde den Fehler…
Worum sollte es der Heimatpolitik also gehen? Genau, die Realität der Heimat in Richtung Ideal der Heimat zu gestalten, Wunsch und Wirklichkeit zu versöhnen.

Handeln statt Reden – gegen die Medienförmigkeit der Politik

Leben sie gut im Stau? Leben Sie gut in Ihrer überteuerten Mietswohnung. Leben Sie gut in Ihrer Heimat ohne Job? Was ich damit sagen will: wenn die Landesregierung es mit ihrer Heimatpolitik ernst meint, dann sollte sie nicht nur Heimatsymbole unterstützen, sondern die Lebensbedingungen in der Heimat verbessern. In NRW gibt es viel zu tun. Das ist eine große und verdammt schwere Aufgabe. Aber sie muss angegangen werden, auch wenn das nicht so schön romantisch und nett aussieht, wie ein schnuckeliges neues Ortsschild. Bisher sieht es aber danach aus, als wolle die Ministerin Scharrenbach einfach politisch vom Heimatbegriff profitieren. Dabei sollte die Heimat von Ihrer Politik profitieren. Letzteres wage ich zu bezweifeln.